Die Reliquienverehrung im Mariendom zu Andernach und der Weg zur heutigen Matthiaskapelle

Zu Beginn des 12. Jahrhundert gab es in Andernach die besondere Situation, dass der Erzbischof von Köln Landesherr war, der Erzbischof von Trier indes der Ordinarius in spiritualibus, sprich der Eigenkirchherr, war; er hatte daher das Recht, in Andernach eine – neben Trier – weiter Domkirche zu benennen und zu errichten. Der Trierer Erzbischof ließ daher in den Jahren 1212 bis 1220 die heutige Pfarrkirche erbauen, die als Domkirche, sprich Mariendom, bezeichnet wurde.

Den Gepflogenheiten des Mittelalters entsprechend, wurden große Kirchen mit einer stattlichen Anzahl von Altären versehen, die von Bischöfen mit Reliquien der Heiligen des geweihten Altars ausgestattet wurden. Daneben wurden Reliquien aber auch in Schreinen aufbewahrt, beispielsweise der Dreikönigen Schrein im Kölner Dom. Im Mariendom in Andernach wurde in der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts ein aus Holz gefertigter Reliquienschrein errichtet, dessen Langseiten durch romantisierende Säulchen mit Würfelkapitellen in Felder aufgeteilt waren, in die Ölgemälde mit den Brustbildern der Apostel eingespannt waren.

 

Aufgrund der besonderen Stellung des Mariendoms als Eigenkirche des Trierer Erzbistums ist nahezu als gesichert davon auszugehen, dass auch der Matthiasaltar mit einer stattlichen Anzahl von Reliquien des Hl. Matthias ausgestattet wurde.

Hierzu passend sind seit dem Jahre 1355 große Pilgerfahrten aus Andernach zum Grab des Apostels Matthias in Trier gesichert, was in der Folge zum Entstehen der Andernacher Matthiasbruderschaft führte. Der Abschluss dieser mehrtägigen Walfahrten fand wiederum im Mariendom in Andernach statt, wohl am Matthiasaltar und/oder auch am Reliquienschrein. Im Rahmen der napoleonischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts und späterer Renovierungsarbeiten verlor die Verehrung des Hl. Matthias im Dom wohl seine Bedeutung.

In den 1920er Jahren ließ der damalige Stadtpfarrer von Andernach den Matthiasaltar im Mariendom neu errichten. Zu dieser Zeit war der Erzbischof Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII, päpstlicher Nuntius in Deutschland. Anlässlich eines großen Matthiasjubiläums in Trier entnahm er dem Schrein des Matthiasgrabes in Trier eine Reliquie für den neuen Matthiasaltar im Mariendom in Andernach.

Namentlich die letzten Jahre des zweiten Weltkrieges waren von Luftangriffen u.a. auf Städte im Rheinland geprägt. Es war schwierig für Kirchengemeinden, Jahrhunderte altes Kulturgut insoweit zu schützen. In Andernach entschloss man sich, lediglich das Ungarnkreuz, ein Kreuz ungarischer Pilger auf dem Weg nach Köln, das Anfang des 14. Jahrhunderts gefertigt und im Mariendom aufgestellt wurde, auszulagern. In den 1950er Jahren gelangte das Ungarnkreuz wieder in den Mariendom zurück.

Das Ungarnkreuz wurde in der Vergangenheit zwar bereits wissenschaftlich untersucht; aber erst in jüngerer Zeit wurden Röntgenaufnahmen gefertigt.  Diese Aufnahmen ergaben Auffälligkeiten in Bezug auf mögliche Reliquien, die im Jahre 2016 den Gemeindepfarrer veranlassten, die rückwärtige Seite des Korpus öffnen zu lassen. Zum Vorschein kamen eine Vielzahl beschrifteter und unbeschrifteter Knochen und Reliquien, die offensichtlich dort versteckt und während des zweiten Weltkriegs mit ausgelagert waren. Sicher dargestellt ist, dass der Mariendom in Andernach vor dem zweiten Weltkrieg Jahrhunderte lang mutmaßliche Matthiasreliquien sein Eigen nennen durfte, so dass davon auszugehen ist, dass es sich bei den Fundstücken zumindest zum Teil um mutmaßliche Reliquien des Hl. Matthias handelt.

Nach Abschluss Feierlichkeiten zum 800-jährigen Domjubiläums des Mariendoms in   Andernach im Jahre 2020 wurde innerhalb des Vorstandes des Fördervereins Mariendom Andernach e.V. beschlossen, die traditionelle Verehrung des Hl. Matthias in Andernach wieder näher in den Focus zu stellen.

Zunächst gab der Förderverein vor einigen Jahren die künstlerische Restaurierung des Reliquienschreins in Auftrag. Bewusst hat sich der Vereinsvorstand für eine umfassende Maßnahme entschieden, da bereits damals der Gedanke im Raume stand, im Mariendom in Andernach eine Matthiaskapelle zu errichten.

In den darauffolgenden Jahren wurde dann im Südturm des Domes gemeinsam mit der Kirchengemeinde und in enger Absprache mit dem Amt für kirchliche Denkmalpflege des Bistums Trier die heutige Matthiaskapelle errichtet, die im März 2026 feierlich eingeweiht wurde. Im dort aufgestellten Schrein finden die aufgefundenen Reliquien nunmehr einen würdigen und angemessenen sowie sicheren Raum.